|
Kurzer Rückblick auf die Geschichte der schweren Wurfübungen und den deutschen Rasenkraftsport |
Der folgende historische Streifzug soll die lange Vergangenheit, jedoch kurze Geschichte der relativ wenig bekannten deutschen Sportart „Rasenkraftsport“ beleuchten, aber auch die mit ihr verwandten internationalen Wettkampfformen in ihrer Entwicklung skizzieren. Bieten doch die 3. Europameisterschaften im Rasenkraftsport in München eine weitere Gelegenheit zu einem internationalen Leistungsvergleich in den drei schweren Wurfübungen, die zu den ältesten Formen des sportlichen Wettstreits überhaupt zählen. |
|
|
Die
Entwicklung des Gewichtwerfens verlief in vieler Hinsicht parallel zum
Hammerwerfen. Als fester Bestandteil der Hochlandspiele etablierte sich
das einarmig ausgeführte |
Im
Gegensatz zum Hammer- und Gewichtwerfen kann das Steinstoßen als originär
deutsche Wurfdisziplin angesehen werden, wie zahlreiche Schilderungen in
frühmittelalterlichen Heldenepen belegen. Über die mittelalterlichen
Ritterspiele und Schützenfeste verbreitete sich das Steinstoßen auch
in bürgerlichen Kreisen, wo es bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts
intensiv gepflegt wurde. Anknüpfend an diese Traditionen ließ
„Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn im frühen 19.Jahrhundert das
Steinstoßen im deutschen Turnen wieder aufleben. Vor allem bei den
Bergturnfesten kam der Standstoß mit dem Drittelzentnerstein als
Einzeldisziplin zur Austragung. Auch als Bestandteil turnerischer Mehrkämpfe
wurde das Steinstoßen in Deutschland wieder populär. Im Zuge der
internationalen Turnbewegung kam es zu einer Verbreitung des Steinstoßens
in zahlreichen europäischen Ländern, jedoch mit unterschiedlichen
Wettkampfbestimmungen. So legten sich die schweizerischen Turner bereits
1832 auf ein Steingewicht von 20 kg fest, das sowohl mit Anlauf als auch
aus dem Stand und links- wie rechtsarmig gestoßen wird. Die
deutschen Turner setzten in Rücksichtnahme auf ihre leichtgewichtigen
Wettkämpfer das Steingewicht im Jahre 1899 auf 15 kg herab. Ab 1882
beschäftigten sich auch deutsche Leichtathleten mit dem
Drittelzentnerstein, allerdings nur sporadisch. Die typisch deutsche
Wurfdisziplin „Steinstoßen“ war auch die erste der drei
Rasenkraftsport-Disziplinen, die vom deutschen Schwerathletik-Verband
als Ergänzungsübung zur Schnellkraftentwicklung in sein
Wettkampfprogramm aufgenommen wurde, und zwar bereits in seinem Gründungsjahr
1891. Ab 1893 wurden im zweijährigen Turnus die besten Steinstoßer auf
Reichsebene ermittelt, wie bei den Turnern im Standstoß mit dem 16,7 kg
schweren Naturstein. Die Gestattung eines unbegrenzten Anlaufs wurde im
Jahre 1910 von den Leichtathleten übernommen. In den Jahren 1928 bis
1933 stießen die verschiedenen Gewichtsklassen mit reduzierten und
differenzierten Gerätegewichten von 10, 12,5 und 15 kg, bis ab 1933 für
alle Klassen der heute noch maßgebende 15 kg Stein eingeführt wurde.
Da von 1931 bis 1934 die Vergabe deutscher Meistertitel im Steinstoßen
dem Fachamt Leichtathletik übertragen wurde, musste der Rasenkraftsport den Steinstoß bis zu den ersten Nachkriegsmeisterschaften aus
seinem Meisterschaftsprogramm herausnehmen. Die weltweit verbreitetste Form des Steinstoßens ist jedoch eindeutig der „Braemar Stone“, benannt nach dem seit 1832 ausgetragenem Royal Highland Gathering im schottischen Braemar. Es handelt sich hierbei um Natursteine zwischen 20 und 28 lb (9 – 12,7 kg), die bei den Highland Games aus dem Stand gestoßen werden. Normalerweise wiegt der Stein 22 lb (10 kg). |
Das wirklich Neue und Unverwechselbare am Rasenkraftsport sind also nicht seine Einzeldisziplinen, sondern deren Kombination zum Rasenkraftsport-Dreikampf sowie der Gewichtsklassenmodus. Während die Einführung von Körpergewichtsklassen im Jahr 1923 mit der Zugehörigkeit der Rasenkraftsportler zum Schwerathletik-Verband zusammenhing, war die „Erfindung“ des Dreikampfes im Jahre 1933 eine Folge der Gleichschaltung des nationalsozialistischen Sportbetriebs. Da das Fachamt für Leichtathletik nach dem Hammerwerfen auch noch das Steinstoßen als Meisterschaftsdisziplin für sich reklamierte, konnte der Rasenkraftsport in diesen Disziplinen keine Einzeltitel mehr vergeben und hob deshalb den Mehrkampf als Vielseitigkeitsprüfung aus der Taufe. Erst nach dem zweiten Weltkrieg werden neben dem Dreikampf auch wieder Einzelmeister im Steinstoßen und Gewichtwerfen gekürt, abgesehen von den Jahren 1954 – 1959, in denen nur die Dreikampfsieger zu Titelehren kamen. |
Angesichts der
bevorstehenden Europameisterschaft im Rasenkraftsport ist ein kurzer Rückblick
auf frühere internationale Begegnungen deutscher Rasenkraftsportler
sicher nicht ohne Interesse. Bereits bei den
Schwerathletik-Weltmeisterschaften 1905 in Duisburg hatten die besten
Steinstoßer Gelegenheit zu einem Leistungsvergleich. Mit hochklassigen
7,35 m besiegte damals der Nürnberger Kraftsportpionier Artur Seubert
im Standstoß des 16,7 kg Steins den Darmstädter Josef Otto (7,00 m).
Wesentlich weniger, nämlich nur 14 englische Pfund (6,35 kg) wog das
Gerät bei den Olympischen Spielen 1906 in Athen. Die sechs deutschen
Teilnehmer, die mit dem ungewohnt leichten Stein und dem Anlauf
erhebliche Probleme hatten, wurden von dem Griechen Nikolaos Georgantas
regelrecht deklassiert und lagen über sechs Meter zurück. Im Rahmen
der Schwerathletik-Weltmeisterschaften 1913 in Breslau wurden auch Titel
im 16,7 kg Steinstoßen mit Anlauf und im 12,5 kg Gewichtwerfen
vergeben. Klarer Sieger in beiden Bewerben ist der 33jährige Josef Otto
mit 8,59 m bzw. 18,59 m bei unbeschränktem „Anlauf“. In einem
offiziellen Rekordversuch nach dem Wettbewerb steigert sich Otto auf die
Weltrekordweite von 19,50 m. Nachdem die in Berlin geplanten Olympischen
Spiele 1916, für die das 25,4 kg Gewichtwerfen vorgesehen war, dem
1.Weltkrieg zum Opfer gefallen waren, hatten die deutschen Werfer erst
wieder bei den Kraftsport-Europameisterschaften 1921 in Offenbach einen
internationalen Wettkampftermin. Allerdings blieben sie in |
Heinrich Porsch |